Wie sind die Schweden?

Was ich hier im Folgenden schreibe, ist meine ganz persönliche Sicht auf die Schweden, die auf nunmehr mehr als 10 Jahren Leben in Schweden beruht. Es sind meine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse und was ich von anderen gehört habe. Dem durchschnittlichen Deutschen wird z.B. nachgesagt, er sei ordentlich, genau etc. Das mag in seiner Tendenz auf viele Deutsche zutreffen, aber natürlich ist jeder Deutsche individuell und es gibt unzählige Ausprägungen menschlichen Seins. Genauso ist das mit den Schweden, ich beschreibe hier auch nur eine Tendenz, natürlich ist jeder Schwede nicht genauso! Der durchschnittliche Schwede ist ein Mensch der eher zurückhaltenden Gefühle bzw. eines recht ausgeglichenen Gefühlslebens mit Ausschlägen weder nach oben oder unten. Gefühlsausbrüche oder Gefühlsüberschwang sind ihm oder ihr eher fremd. Im Positiven wie im Negativen. Man wird in Schweden nicht erleben, dass Schweden einen (in der Öffentlichkeit) unhöfflich behandeln,anschreien, aggressiv oder laut werden, dass sie einem beim Autofahren den Stinkefinger zeigen o.ä. Schweden benehmen sich respektvoll und höfflich anderen gegenüber, tolerant und wohlwollend, sie wollen nicht auffallen. Sie wahren Abstand, psychisch wie auch körperlich. Die Schweden sind kein Volk, das einen Fremden direkt zu sich zum Essen nach Hause einlädt und sie sind auch kein Volk, das andere Menschen außer Freunde oder Familie gerne berührt, umarmt o.ä. Verbale Sympathie- oder Liebesbekundungen anderen Menschen gegenüber sind auch eher selten. Gefühlsausschläge sind bei vielen Schweden – im Guten wie im Schlechten – oft erst möglich durch Alkohol, der indiesem Land reichlich getrunken wird. Unter Alkoholeinwirkung werden Schweden ausgelassen und heiter, sie lachen laut, sie gehen aus sich heraus, werden liebevoll, aggressiv, wütend. Der Alkohol bringt das hervor, was nüchtern normalerweise nicht zum Gefühlsvorrat gehört. In Schweden hat der Staat seit jeher eine wesentlich stärkere Rolle gespielt als z.B. in Deutschland, er steuert wesentlich mehr und nimmt stärkeren Einfluss auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Der Staat hat vor allem auch eine sehr versorgende Rolle eingenommen, was sich in Schweden als ehemaligem Musterland eines Sozialsystems/Sozialstaates widergespiegelt hat. Die Schweden sind sehr obrigskeits”hörig” und halten sich von ihrer Grundeinstellung her im Grossen und Ganzen mehr an Dinge, die vom Staat kommen oder vorgeschrieben werden als anderswo. ”Vater Staat” bestimmt und seine Kinder gehorchen. Aufstände und Revolutionen gehören nicht zur schwedischen Geschichte. Die Schweden sagen gerne von sich, dass sie eher die Faust in der Tasche ballen würden, als etwas zu sagen. Und das erlebe ich selbst auch so. Man klagt unter Freunden und Kollegen oder innerhalb der Familie, vielleicht auch noch in Leserbriefen in der Zeitung. Aber tendentiell werden keine Diskussionen mit dem Objekt der Unzufriedenheit direkt selbst geführt. Also keine Aussprachen mit dem Chef. Und sich mit einer Behörde, Ärzten oder anderen ”Autoritäten” anzulegen oder auseinanderzusetzen ist für viele Schweden schlicht undenkbar. Natürlich gibt es in Schweden genauso Gesetzesübertretungen wie überall, Kriminalität und Verbrechen. Aber die direkte Konfrontation ist nicht gegeben und sucht man hier vergebens. Ich erlebe die Schweden als hilfsbereit, vor allem auf dem Land (wo ich selbst
lebe) und Fremden wie Touristen gegenüber. Wenn man einen Schweden irgendwo anspricht und um eine Auskunft bittet, nehmen sie sich meiner Erfahrung nach gerne Zeit und helfen einem freundlich, ruhig und geduldig, so gut sie können. Das kann man gerne mal in einem Supermarkt ausprobieren und einen Angestellten dort ansprechen. Ich bin nach wie vor überwältigt von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der schwedischen Verkäufer. Die Schweden sprechen übrigens durchschnittlich alle ziemlich gut englisch. Persönlich finde ich es ein wenig schade, dass es unglaublich schwer ist, Schweden als Freunde zu gewinnen. Etwas, was ich von allen Eingewanderten zu hören bekomme, unabhängig davon, ob sie aus Deutschland, Holland, Syrien, El Salvador oder Afghanistan kommen. Schweden treten Fremden wie gesagt sehr freundlich und respektvoll gegenüber, aber sie lassen sie nicht in ihre Herzen hinein. Dazu braucht es sehr viel, oft lange Zeit und das Glück, auf die Schweden zu treffen, die da sehr untypisch schwedisch sind. Ich selbst kann aber gut damit leben und all die anderen positiven Eigenschaften der Schweden wie eben Respekt, Toleranz und Freundlichkeit wiegen für mich das ”verschlossene Herz” auf. Insgesamt kann ich sagen, dass mir die Art der Schweden sehr gut tut und ich sie sehr schätze. Ich erlebe die Schweden als sehr entspannt, stressfrei (in dem, was sie nach außen hin und sichtbar zeigen, natürlich sind auch Schweden gestresst von ihren Jobs oder dem Leben) und ruhig, etwas, was ich im Gegensatz zu den eher hektischen, unfreundlichen und gestressten Deutschen als sehr angenehm empfinde. Es sind angenehme Energien, die von den Schweden ausgehen, das kann ich definitiv sagen. Und ich liebe sie, genauso, wie sie sind!!!

REDAKTIONELLER HINWEIS

Text: Silke Nordfjäll, im Januar 2020. – “Silke Nordfjäll lebt mit ihrer deutsch-schwedischen Familie in Gästrike-Hammarby, Gävleborgs län, auf einem kleinen Hof im Wald und direkt am See, zusammen mit mehreren Pferden, Hund und Katzen. Auf dem Hof kann man u.a. ein Ferienhaus mieten”.
Infos: www.vastanvindsgarden.com.

Titelbild: Simon Paulin/imagebank.sweden.se

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